Mittwoch, 22. Juni 2011

Ansichtssache

Die Schlussfolgerung des Kommentators dürfte weitgehend unstrittig sein: "Die Quittung werden die Steuerzahler bekommen - ob sie nun Geld zur Rettung Griechenlands zahlen oder - falls sie scheitert - für einen Bankenrettungsfonds." In der Argumentationskette könnte man gewisse Punkte aber auch anders sehen.

Mein Kommentar in "FTD.de" zum Artikel "Europäische Krise: Chaotische Laiendarsteller spielen griechische Tragödie" vom 22.06.2011
  
Warum leben denn die westlichen Länder inzwischen nahezu ausnahmslos über ihre Verhältnisse? Nur weil es die gewählten Regierungen so wollen? Warum erzielt z.B. Deutschland seit Jahrzehnten Überschüsse in der Handelsbilanz und macht trotzdem Schulden?

Ist es nicht so, dass nach der Abschaffung der Goldanbindung der westlichen Währungen in den 1960-er Jahren die Geldmengensteuerung außer Kontrolle geraten ist? Ohne Bezug zu realen Werten wie Arbeitsleistung oder Produktivität kursieren im weltweiten Finanzsystem inzwischen riesige virtuelle Geldmengen. Wenn dadurch ausgelöste inflationäre Phasen Löhne und Preise schneller steigen lassen, als die Steuereinnahmen, dann muss doch ein Staat Kredite aufnehmen, um seine Defizite auszugleichen. Erhöht dann seine Zentralbank in Ermangelung einer tauglichen Geldmengensteuerung die Zinsen, um die Inflation zu bekämpfen, werden die Defizite auch noch größer. Und von wem bitte leiht sich der Staat das Geld und an wen zahlt er die Zinsen? Und woher haben denn diese Geldgeber das viele Geld zum Verleihen? Aus dem Nichts! Reine Buchungsalchemie: Erhöhung der Sichtguthaben um Betrag Kundenkredit auf der Passivseite gegen Erhöhung der Forderungen an Kunden um den selben Betrag auf der Aktivseite. Ergebnis: Bilanz ausgeglichen. Alles rechtens. Keine Bösewichte am Finanzmarkt. 

Die EU und ihre wichtigsten Akteure sind meines Erachtens nicht erst seit der Griechenland-Krise dabei, ihre Glaubwürdigkeit zu verspielen. Mit der Binnenintegration (gemeinsamer Markt, gemeinsames Geld) wird doch die De-Funktionalisierung der Mitgliedsstaaten auf die Spitze getrieben. Die EU senkt mit jedem ihrer Erweiterungsschritte (auch schon mit Griechenland) – es kommen immer ärmere Länder hinzu – permanent ihr Wohlstandsniveau statt es zu erhöhen. Damit weitet sie ihr inneres Konfliktpotential aus statt es abzubauen. Sie glaubt, ökonomische Dynamik zu säen, erntet aber soziales Dynamit.

Dennoch ist die politische Elite ständig dabei, uns weiszumachen, damit dem Frieden und dem Fortschritt in den Ländern der Gemeinschaft zu dienen. Ich fürchte, am Ende dieses denkwürdigen Experiments wird es keine EU mehr geben, wohl aber unser unsoziales globales Geld- und Finanzsystem.

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