Freitag, 5. August 2011

Schwarz wie Milch

Der Kapitalismus galt schon in vielerlei Hinsicht als problematisch. Immerhin investierte aber der Kapitalist zumindest einen Teil seiner Profite wieder in die Produktion und alles, was zur Steigerung der Produktivität führte, um seinen Profit weiter zu mehren und sich Vorteile gegenüber der Konkurrenz zu verschaffen. Auf diese Weise blieb Geld im Umlauf. 

Womit wir es seit geraumer Zeit jedoch zu tun haben, ist eine totalitäre Weiterentwicklung dieser Gesellschaftsform: der Pekunismus. Musste der Kapitalist noch unter Einsatz von Geld, Liegenschaften und Produktionsmitteln wirken, um sein Vermögen zu mehren, so hat sich der Pekunist der lästigen Pflicht zur Produktion realer Güter entledigt. Um sein Geld zu vermehren, verwendet er nur sein Geld. Der Pekunist produziert nichts. Er entwickelt Verfahren, um aus nichts Geld zu machen. Dabei ist er auf virtuelles Geld angewiesen, das er hortet und mit dem er reale Gegenstände kaufen kann, die seinen luxuriösen Lebenswandel veranschaulichen. 

War der Kapitalismus von der Gesellschaft noch einigermaßen beherrschbar und kontrollierbar, bevor er – wie der Sozialismus auch – an der Realität scheiterte, so hat sich der Pekunismus dieser Kontrolle restlos entzogen und ist alternativlos geworden. TINA ist die englische Abkürzung für „There Is No Alternative“ (Noam Chomsky, 2001). Und die Weltherrschaft der Pekunisten gründet auf der Macht dieses TINA (Jean Ziegler,2003). 

Anders als die Agenten vorangegangener totalitärer Systeme wie des Bolschewismus und es Nationalsozialismus führen die Pekunisten allerdings keinen Kampf der Ideen. Sie treten nicht als organisierte Gruppe auf und ihre Vertreter stellen sich weder Intellektuellen in öffentlichen Debatten, noch Abgeordneten im Parlament oder wütenden Leitartiklern und Redakteuren in den Medien. Das haben sie nicht nötig. Stattdessen: Schweigen. Absolute Diskretion. Verweigerung der Antwort. Wirken im Verborgenen. Sie versuchen erst gar nicht, zu überzeugen. 

Warum sollten sie auch? Warum sollten sie ihr Handeln erklären, das sich für sie von selbst versteht und aus der Natur der Dinge, sprich dem von ihnen selbst installierten und ständig weiter entwickelten Geld- und Finanzsystem ergibt? In ihren Augen erscheint das beharrliche Schweigen, womit sie sich umgeben, völlig natürlich. Sie beherrschen die Märkte und den Medienapparat (Albrecht Müller, 2009), was für die Beeinflussung der öffentlichen Meinung unerlässlich ist. Warum sollten sie da ihre Zeit darauf verschwenden, ihre Kritiker überzeugen zu wollen?

 


Meinungsmache und Manipulation gibt es zwar schon seit Jahrhunderten. Gefördert mit den schier unendlichen Geldmitteln der Pekunisten entfalten diese Machenschaften aber selbst bei uns in letzter Zeit eine zunehmend zerstörerische Wirkung. Man denke nur an die Auslieferung unserer öffentlichen Universitäten an die Wirtschaft (und Bankvorstände als Dozenten), die Zerstörung des Vertrauens in die sozialen Sicherungssysteme (zugunsten der Versicherungswirtschaft und der Banken), die bewusst betriebene Verarmung des Staates (durch knappes Geld), die Kommerzialisierung und Privatisierung unserer Medien, der Verkehrssysteme und kommunaler Versorgungseinrichtungen (letztendlich zu Lasten der Steuerzahler) sowie die Rettung von Privatbanken und maroden Volkswirtschaften mit Steuergeldern.

"Wir nehmen diese beherrschende Rolle der Finanzwirtschaft und die greifbare Verletzung demokratischer Regeln geduldig hin. Der bisher größte Coup war die Einführung des Begriffs „systemrelevant“. Jede Bank ist systemrelevant. Das gilt ohne detaillierte Prüfung und ist die bisher teuerste Meinungsmache überhaupt: 480 Milliarden Bankenrettungsschirm, allein vermutlich mehr als 100 Milliarden für die Münchner HRE und vorher schon rund zehn Milliarden Euro für die private Düsseldorfer Industriekreditbank (IKB). Zur erfolgreichen Meinungsmache gehörte in diesem Fall die Behauptung, die IKB sei eine öffentliche Bank, und öffentliche Banken hätten in der Krise ohnehin viel schlechter abgeschnitten, und die Deutsche Bank habe noch gar keine öffentliche Hilfe in Anspruch genommen. Das alles hat kein Fundament, wird aber geglaubt." Albrecht Müller am 23.11.11 in FAZ.NET

Man lässt uns unsere Ohnmacht spüren. Und natürlich artikulieren nicht einmal die Medien mehrheitlich die Betroffenheit und die Gefühle der Mehrheit der Bürger. Vielmehr hebt nach jeder Aktion der Beliebigkeit und Verantwortungslosigkeit der Regierenden ein Sturm der Meinungsmache an mit dem Tenor, es gäbe keine Alternative.

Aus diversen Meinungsumfragen wird deutlich, dass ganz offensichtlich eine zunehmende Kluft zwischen dem Denken und den Absichten der politisch Verantwortlichen und dem erkennbaren Willen einer Mehrheit im Volk herrscht. Die „Eliten“ reagieren darauf mit folgenden Maßnahmen:
Einen Teil der Betroffenen versucht man ganz einfach in die politische Abstinenz abzudrängen – mit großem Erfolg, wie sich an der stark abnehmenden politischen Beteiligung feststellen lässt. Bei den anderen ist man mit Propaganda darum bemüht, sie auf seine Seite zu ziehen, indem man erklärt, die Kluft zwischen seiner Ideologie und dem Widerstand der Menschen sei auf Übermittlungsfehler zurückzuführen und nicht etwa auf die Sache selbst. Gegen die Mehrheit der Bevölkerung Politik zu machen wird ganz offen zur Tugend, Kritiker hingegen mal eben zu Populisten erklärt. Im Umkehrschluss bedeutet das dann, das sich jeder, der dem Volk eine Stimme verleiht, der Gefahr aussetzt, zum Populisten abgestempelt zu werden. Auf seine Meinung kann man nichts mehr geben.

Selbst, wer Begriffe wie „Weltherrschaft“ und „Totalitarismus“ in diesem Kontext grundsätzlich für absurd und für das Produkt von Populisten (oder schlimmer) hält, kann die Realität nicht völlig ignorieren. In unserer öffentlichen Wahrnehmung geschehen laufend Dinge, die auf den ersten Blick völlig absurd erscheinen. Erst später, wenn man einen umfassenderen Einblick in die Geschehnisse und Zusammenhänge erlangt, ergibt sich ein Sinn und das Absurde verliert seine Zufälligkeit. Es war der US-Präsident F. D. Roosevelt, der einmal folgende Aussage getroffen hat: „In der Politik geschieht nichts zufällig. Wenn etwas geschieht, kann man sicher sein, dass es auf diese Weise geplant war.“

Was ist also zu tun? Was können wir alle tun, um das Schweigen der Pekunisten zu brechen? Gibt es wirklich keine Alternative? Die Welt wird nicht untergehen, wenn unser aktuelles Geld- und Finanzsystem durch etwas ersetzt wird, durch das die Menschheit eine Chance bekommt, in friedlicher Koexistenz Prosperität in nie dagewesener Qualität zu erleben, zu Werten wie Gemeinsinn und moralisch integriertem Handeln zurückzufinden und Militärapparate auf ein Minimum zu reduzieren oder gleich ganz und gar abzuschaffen. 

Nur ein Traum? Noch - vielleicht. Aber wenn viele Menschen gemeinsam den gleichen Traum haben, dann gibt es kein Ziel, das nicht erreichbar wäre. Die Möglichkeit zur Veränderung liegt deshalb vielleicht genau da, wo die Pekunisten ansetzen, um die Mehrheit der von Ihnen Drangsalierten auf ihre Seite zu ziehen: Im Versuch, Einfluss zu nehmen auf die öffentliche Meinungsbildung, also im Aufbau einer neuen Öffentlichkeit.

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