Montag, 5. September 2011

Wer hat’s erfunden?


Zumindest diesmal kein Schweizer. Eher wohl der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Irving Fisher, der seine schlechten persönlichen Erfahrungen mit der Weltwirtschaftskrise 1935 in seinem Buch „100%-Money“ verarbeitete und damit als Begründer der so genannten „Vollgeld-Theorie“ gelten dürfte. Wie das so ist mit (wirtschafts-)wissenschaftlichen Theorien, hat auch diese über die Zeit eine große Zahl an illustren Kritikern und Befürwortern gefunden. Im Einzelnen darauf einzugehen, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Nur so viel sei gesagt: Fishers Plan sieht vor, das alleinige Recht des Staates wiederherzustellen, Geld zu schaffen und in Umlauf zu bringen, eben nur 100% staatliches Geld zu haben. Damit packt er ganz offensichtlich ein Grundübel unseres Geldsystems an der Wurzel, nämlich die unkontrollierte Schöpfung von (Buch-)Geld durch die privaten Geschäftsbanken mittels Kreditvergabe, wodurch es in der Folge von großen Boom- und Deflationsphasen nach wie vor immer wieder zu Finanzkrisen kommt. Und das mit den bekannten negativen Auswirkungen auf die Realwirtschaft und die Allgemeinheit.

Knapp 80 Jahre nach Fisher greift nun mit dem demokratischen Kongressabgeordneten Dennis Kucinich ein namhafter, aktiver US-Politiker diese Idee engagiert wieder auf. Kucinich fordert in einer Eingabe an das Repräsentantenhaus (Ende 2010) nichts weniger, als die Wiederherstellung des in der amerikanischen Verfassung verbrieften Rechts des Staates, wonach die Autorität, Geld in den Vereinigten Staaten zu schaffen, ausschließlich die Sache der Regierung ist. Er leitet daraus ein komplettes Wohlfahrtsprogramm für die USA ab und führt 29 Gründe – im Wesentlichen basierend auf der ungerechten Verteilung des Geldes – für die Abschaffung des bestehenden Geldsystems an. 

Der Zeitpunkt für die Initiative scheint klug gewählt: Lange nicht mehr hat der (babylonische) Bau aus systembedingt exponentiell wachsendem Geldvermögen weniger, aufgetürmt auf den Schulden vieler in der Welt, so sehr gewankt wie gerade gegenwärtig. Ob allerdings die skizzierte Reform in den USA allein den Turm zum Einsturz bringen kann, bleibt abzuwarten. Mehr als ein erster Steinwurf ist es allemal. Und was einst in Babylon passiert ist, wissen wir alle. Die begleitenden Eigenschaften unseres Geldsystems heute jedenfalls, das Gier, Machtstreben, Hass, Eifersucht, Eigensinn und andere trennende Verhaltensweisen in bedrohlichem Maße generiert, hat die menschliche Entwicklung nicht gefördert und ähnelt verdächtig den überlieferten Zuständen aus biblischer Vorzeit.

Bleibt die Frage: Sieht irgendjemand irgendwo einen deutschen Dennis Kucinich?
Und die Schweizer? Na, immerhin gibt es bei ihnen schon mal ernsthafte Bestrebungen für eine Volksinitiative zur Verstaatlichung der Geldschöpfung. Vielleicht nutzen sie ja ebenfalls die Gunst des Augenblicks. Denn wer zu spät kommt...

Meine Eingabe als Leserartikel bei ZEIT online am 19.08.11. Trotz einiger Links auf ZEIT online wurde der Artikel nicht gebracht - kommentarlos. Wäre eigentlich auch zu schade gewesen.

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