Ökonomen haben eine
seltsame Art, Dokumente zu
schreiben. Es gibt offensichtlich eine gesteigerte Tendenz,
wirtschaftliche Beratung zu entmenschlichen und die wichtigsten wirtschaftlichen
und sozialen Probleme (Arbeitslosigkeit und
Armut) zu Gunsten der Betonung von Nicht-Themen (wie öffentliche Schuldenquote)
zu ignorieren. Schon die
Ausbildung von Ökonomen entbehrt
in hohem Maße der Beachtung menschlicher
Probleme und der Empathie.
Dies wird wieder einmal deutlich in einem
Dokument vom 21. Oktober 2011 – Greece: Debt Sustainability Analysis –
das von ihren Autoren, der sogenannten „Troika“, als streng vertraulich bezeichnet
wurde und als Eingabe für das
bevorstehende Treffen der Staats-und
Regierungschefs der Eurozone diente.
Das fragliche Dokument ist "durchgesickert" und wurde publiziert von der „Società Editoriale Linkiesta“, einer unabhängigen italienischen
Online-Zeitung des investigativen
Journalismus, die seit Beginn dieses Jahres aktiv ist.
Wer das Dokument liest, fragt sich
unwillkürlich, was wohl wäre, wenn Ökonomen persönlich für die Folgen ihrer
Beratung haften müssten? Die Gefängnisse
wären voll von ruinierten
Experten. Ich bin mir sicher,
dass die Troika-Ökonomen von EU, EZB und IWF behaupten würden "nur Anweisungen befolgt" zu haben. Aber dann sollten wir das
vorher wissen.
Schon die Einleitung in
dem durchgesickerten Dokument stellt ein klassisches Beispiel für die manipulierende Art und Weise dar, wie
Ökonomen ihre Argumente zur Verdrehung
der Tatsachen nutzen:
„Jüngste
Entwicklungen erfordern eine Neubewertung der Annahmen, die für die Tragfähigkeit der
Schuldensituationsanalyse verwendet wurden. Seit der
vierten Überprüfung hat sich die
Situation in Griechenland zum
Schlechteren gewendet, indem sich die Wirtschaft zunehmend der Rezession und damit verbundenen Lohn-Preis-Kanälen
angepasst hat, anstatt getrieben durch Strukturreformen
zu einer Steigerung der Produktivität zu gelangen. Auch die
Behörden haben gekämpft, um ihre politischen
Verpflichtungen trotz dieses Gegenwindes
und administrativer Kapazitätsbeschränkungen in der griechischen Regierung zu erfüllen. Die
Anpassungen der Wachstums- und Fiskalpolitik im Rahmen des Programms folgen jede für sich
Präzedenzfällen, die aus den Erfahrungen anderer Länder stammen, aber die aktuelle
Erfahrung im Rahmen des Programms legt
nahe, dass Griechenland nicht in
der Lage ist, einen neuen Präzedenzfall unter gleichzeitigen und von sehr schwachen Anfangsbedingungen
ausgehenden Bedingungen, wie einer großen internen Abwertung, Steueranpassungen und
Privatisierung, zu realisieren.“
Was will uns diese „Wirtschaftsprosa“ sagen?
- Unsere Programme sind so schlecht und unser Verständnis der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge ist dermaßen ideologisch gefärbt, dass wir das Offensichtliche leugnen müssen - dass nämlich die Einführung harter öffentlicher Ausgabenkürzungen in einer Zeit, in der die griechische Wirtschaft aufgrund eines Zusammenbruchs der privaten Ausgaben schrumpft, die Rezession verschlimmert und die Fähigkeit der Wirtschaft untergräbt, sich einer Steigerung der Produktivität zu erfreuen.
- Alle unsere Prognosen waren falsch - die Situation ist viel schlimmer: Armut und Arbeitslosigkeit steigen und die Ersparnisse vieler Privatleute werden direkt durch unsere Fehler ausgelöscht.
- Wir verstehen nicht wirklich, warum es passiert ist, aber die Daten zeigen deutlich, dass alle unsere Voraussagen falsch waren und dass alles, von dem wir sagten, das es nicht passieren könne, nun doch passiert ist.
- Wir hatten keinen historischen Präzedenzfall für die Verhängung eines solch harten multi-dimensionalen Sparprogramms für Griechenland - aber, hey, ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig? Das Experiment wird uns jede Menge Erfahrungen für künftige Politikberatungen liefern.
Der ökonomische Ratschlag, den die EU-Chefs mit diesen Instruktionsdokumenten
erhalten, sagt eindeutig aus, dass alles, was sie
tun sollten, darin bestand, Staatsausgaben
zu kürzen, alle öffentlichen Vermögen
zu verscherbeln, Arbeitslöhne und Renten zu kürzen,
die Erhöhung der Arbeitslosenquote zu
ermöglichen und – schwupps! –
würde die Produktivität boomen und
die zunehmende außenwirtschaftliche
Wettbewerbsfähigkeit einen exportinduzierten Wachstums-Boom hinlegen.
Das könnte in Lehrbüchern
funktionieren, die von Ökonomen des freien Marktes
geschrieben wurden und die kein Verständnis der menschlichen Psyche und der realen
Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und der harten
Sparmaßnahmen auf Innovation und Ausgaben
haben. Solche Experten verstehen
scheinbar auch nicht, dass, wenn alle deine
Handelspartner ebenfalls schrumpfen oder kaum noch wachsen, es vollkommen egal ist, wie "billig" deine Produkte werden - der Export wird dann nicht boomen.
Selbst mit einem Basisverständnis von Makroökonomie hätte
man von vorne herein erkennen müssen, dass sich die
griechische Wirtschaft angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit und der großen
Einschnitte bei Ausgaben oder Änderungen
an Richtlinien, die die Ausgabenfähigkeit des privaten Sektors untergraben, "zunehmend
der Rezession und
damit verbundenen Lohn-Preis-Kanälen"
anpassen würde. "Seit dem 19. Jahrhundert haben demokratische Reformer versucht,
Volkswirtschaften von Verschwendung, Korruption und Einkommen aus
Vermögen zu befreien. Doch die „Troika“ schreibt eine regressive
Besteuerung vor, die nur durchzusetzen ist, wenn die Regierung in die
Hände nicht gewählter „Technokraten“ gelegt wird," meint Michael Hudson in der FAZ: "Oligarchie der Finanz".
Ärzte können für ihre
Handlungen gesetzlich haftbar gemacht und an der weiteren Ausübung ihres
Berufes gehindert werden, wenn sie als Folge von Fehlern
oder falschen Beurteilungen anderen Menschen Schaden zufügen. Viele andere zertifizierte Fachleute sind gleichermaßen verantwortlich für die
Qualität ihrer Arbeit.
Ich denke, es ist an
der Zeit, dass professionelle Ökonomen
für beratende Tätigkeiten zertifiziert und dann
persönlich haftbar gemacht werden für die Ergebnisse, die sich aus ihrer Arbeit ergeben. Da allein Arbeitslosigkeit zu
höheren Selbstmordraten und Krankheiten
mit Todesfolgen führt, sehe ich beratende Ökonomen nicht anders als Ärzte in Bezug auf
deren Verantwortung für das menschliche
Wohlbefinden.

So ist es! Die Entmenschlichung in den ökonomischen Betrachtungen ist leider keine Neuheit, tritt aber in der Krise besonders pervers zu Tage.
AntwortenLöschenAber es gibt auch bessere Ökonomen, selbst wenn man solche heutzutage an einer Hand abzählen kann, während die neoklassischen Heerscharen mit Pseudobildung jeden vakanten Professorenstuhl an sich reißen.
In einem Brief an Roy Harrod, seinen ersten Biografen, schrieb Keynes z.B. seinerzeit:
"Ich möchte entschieden betonen, dass die Wirtschaftswissenschaft eine moralische Wissenschaft ist. Ich habe das bereits erwähnt: sie befasst sich mit Selbstbeobachtung und mit Werten. Ich könnte noch hinzufügen, dass sie sich mit Motiven, Erwartungen und psychologischen Unsicherheiten beschäftigt. Es ist so, als ob der Fall des Apfels auf den Boden von den Motiven des Apfels abhinge, ob es sich wohl lohne, auf den Boden zu fallen, und ob der Boden wolle, dass der Apfel auf ihn fiele, und von den falschen Berechnungen seitens des Apfels, wie weit er nun vom Zentrum der Erde entfernt sei." Worum es ihm hier geht, ist, dass die Wirtschaftswissenschaften nicht mit Naturwissenschaften verwechselt werden dürfen. Ein Ökonom muss ein "Mathematiker, ein Historiker, ein Staatsmann und ein Philosoph" sein, und "kein Teil der Natur des Menschen oder seiner Institutionen" dürfen von ihm übersehen werden, wie er schrieb. http://www.brandeins.de/archiv/magazin/lebensplanung/artikel/von-aepfeln-und-birnen.html
Aus einem Interview mit Lord Robert Skidelsky