Donnerstag, 20. Oktober 2011

Lassen Sie Ihr Geld für sich arbeiten


In den Ohren von Otto Normalverbraucher mag dieser Werbeslogan der Sparkassen gegenwärtig bei Guthabenzinsen von 2 bis 4 Prozent für Tages- oder Festgeld wie Hohn klingen. Immerhin müsste man da schon eine recht ordentliche Summe anlegen, um noch zu Lebzeiten (crash-freien Verlauf vorausgesetzt) bei moderaten Inflationsraten in den Genuss eines signifikanten Vermögenszuwachses zu kommen.

Andere Zeitgenossen haben da ganz andere Möglichkeiten. Wer etwa durch Erbschaft oder Bankraub mal eben 1 Mio. Euro übrig hat, der ist nicht darauf angewiesen, von seinen Zinsen zu leben, selbst wenn das bei diesem Anlagebetrag den meisten anderen Menschen vollkommen reichen würde. Der Casino-Betrieb unseres Geldsystems bietet in diesem Fall dem ungeduldigen und risikofreudigen Anleger geradezu "zauberhafte" Produkte aus dem Baukasten der Finanz-Alchemie.

Ganz allgemein sind Geldschöpfung und Spekulation entscheidende Quellen der Gewinne des Finanzsektors. Das System ist so angelegt, dass bei steigenden Wertpapiermärkten zunächst alle Akteure reicher werden und nicht etwa nur die Einen zu Lasten der Anderen. Dies gilt, solange ein Spekulant das Papier später zu einem höheren Preis veräußern kann. Das folgende Beispiel  mag zur Veranschaulichung dieser impliziten Verklammerung von Kreditausweitung, Verschuldung, Blasenbildung und Spekulation dienen:

Millionär Neureich möchte sein Geldvermögen rentierlich vermehren. Er legt 1 Mio. EUR im Investmentfond Schnellreich an. Letzterer besorgt sich zusätzlich bei der Bank 100.000 EUR Kredit, um die erzielbare Rendite zu „hebeln“, und kauft für die 1,1 Mio. z. B. Aktien von Daimler. Ein zweiter Millionär Nobel möchte ebenfalls 1 Mio. EUR rentierlich anlegen und geht damit zum Investmentfond Gier. Der Investmentfond Gier nimmt den Betrag und einen zusätzlichen Bankkredit von 200.000 EUR und kauft damit dem Investmentfond Schnellreich die Daimler-Aktien ab. Schnellreich hat nun seinem Namen alle Ehre gemacht und einen Spekulationsgewinn von 100.000 EUR erzielt, von dem 50.000 EUR an Neureich als Verzinsung für seine Millionenanlage ausschüttet und von dem Rest die Zinsen auf den Bankkredit und die Gehälter seiner Manager zahlt.

Neureich freut sich über eine Rendite von 5 Prozent und legt die 50.000 EUR gleich wieder bei Schnellreich an. Der verwaltet mittlerweile schon 1,05 Mio. EUR. Und weil alles so gut geklappt hat, nimmt er jetzt 300.000 EUR Kredit auf und kauft für 1,35 Mio. wieder Daimler-Aktien. Und zwar genau jene, die er dem Investmentfond Gier für 1,2 Mio. EUR verkauft hatte. Gier hat jetzt also einen Spekulationsgewinn von 150.000 EUR gemacht, wovon er seinem Anleger Nobel ebenfalls 50.000 EUR als Verzinsung ausschüttet und mit den restlichen 100.000 EUR die Zinsen auf den Bankkredit bezahlt und seine Manager bei Laune hält. (Beispiel in Anlehnung an S. Wagenknecht „Wahnsinn mit Methode“)

Das Schneeballsystem läuft in dieser Weise immer weiter unter der einen Bedingung, dass den beiden Fonds entweder zusätzliche Anlagegelder zufließen oder sie eben immer höhere Kredite aufnehmen. Solange dann die Preisblase auf den Vermögensmärkten wächst, liegt für alle Beteiligten ein Positivsummenspiel vor. Dabei bedarf es zur Fortsetzung des Prozesses noch nicht einmal der Alimentierung der Zentralbank durch neues Zentralbankgeld. 

Erst ein Aussetzen des Kreditexpansionsprozesses führt zu einem Zusammenbruch der Kreditpyramide und zur kumulativen Schrumpfung. Dabei liegt die objektive Bremse dieses volkswirtschaftlich sinnlosen Vorgangs in der Tatsache begründet, dass Vermögenswerte auf Dauer nicht stärker wachsen können als die laufende Wertschöpfung.

1 Kommentar:

  1. Schönes Beispiel! Im Grunde leben alle die ganze Zeit nur aus Krediten, es wird nur geliehenes Geld "verdient".

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