Mittwoch, 18. Januar 2012

Frohe Weihnachten - nachträglich

Ab heute gilt in der Eurozone ein neuer Mindestreservesatz.  Was bedeutet diese erstmals seit Gründung der EZB mit der Einführung des Euro 1999 durchgeführte Maßnahme?

Während der gemeine Steuerzahler, also der anerkannte Zahlmeister unseres Geld- und Finanzsystems, in der Vorweihnachtszeit schon mal mit leicht besorgter Miene die Wirtschaftsnachrichten verfolgt, um zu erfahren, was für ihn im kommenden Jahr denn wieder alles teurer wird, gab’s diesmal für so manchen Banker, also die wahren Nutznießer des Systems, eine wirklich nette Überraschung:

Am 08. Dezember 2011 verkündete EZB-Chef Mario Draghi neben einer Leitzinssenkung auch eine Halbierung des Mindestreservesatzes auf 1%, und zwar mit Wirkung vom 18. Januar 2012, also ab heute.

Entgegen der verbreiteten, landläufigen Meinung besteht das Darlehen einer Bank nicht in der Ausleihung von Kundeneinlagen. Es ist für Banken schon rein technisch unmöglich, unbare Depositen zu verleihen. Wenn die Banken selbst Geschäfte machen, können sie dafür nicht das Kontokorrent benutzen, sondern sie müssen auf ihre eigenen Zahlungsreserven, insbesondere ihre Zentralbankguthaben, zurückgreifen. Auf der Basis dieser Zahlungsreserven können die Banken Sichtguthaben im Publikumsverkehr schaffen, die ein Vielfaches – bislang das 50fache, jetzt das 100fache - ihrer Zahlungsreserven darstellen. Daher die Bezeichnung multiple Geldschöpfung. Je nach ökonomischen und technischen Gegebenheiten sowie den Regulierungsvorgaben der Aufsichtsbehörden liegt die jeweils erforderliche Zahlungsreserve bei 7–14% der Umsätze, also nur einem Bruchteil davon. Daher die Bezeichnung fraktionales Reservesystem.



Sichtguthaben sind täglich fällige, für den Kunden jederzeit verfügbare Mittel auf laufenden Girokonten, dem Kontokorrent der Bank. Die Banken schöpfen die Sichtguthaben im Zuge ihrer Kreditvergabe durch einen einfachen Eintrag in den Büchern: Kreditkonto an Kundenkonto. Schlichte Bilanzverlängerung also. Weiter nichts.

Die Zinsmarge der Banken bezeichnet die Differenz zwischen dem Einlagezins bzw. dem Zins, zu dem eine Bank Geld aufnimmt,  und dem Kapitalmarktzins, zu dem die Bank das Geld an Kunden verleiht. In dem Maße, wie Banken das Geld, das sie ausleihen, nicht zu hundert Prozent von Kunden, anderen Banken oder der Zentralbank zuvor erst aufnehmen müssen, entfällt also der Einlagezins. Je weniger Reserven die Banken benötigen, desto mehr geht der Einlagezins gegen 0%. Wenn Banken Sichtguthaben aus dem Nichts schaffen und sie den jeweiligen Inhabern der zirkulierenden Sichtguthaben überhaupt keine Habenzinsen bezahlen, erzielen sie eben dadurch einen Extragewinn in voller Höhe der sonst fälligen Zinsen für die Geldaufnahme.

Zur Veranschaulichung mag folgendes Beispiel dienen: Unterstellt sei der Einfachheit halber ein einheitlicher Zinssatz von 10% für Kredite und Einlagen. Mit 20.000 Euro Zentralbankgeld konnte eine Bank danach bisher bei 2% Mindestreservepflicht im Maximum schon Kredite in Höhe von 1 Mio. Euro vergeben. Sofern sie sich das Geld bei der Zentralbank holte, musste sie selbst 10% für die Reserve zahlen. Den Zinseinnahmen von 100.000 Euro (10% von 1 Mio. Euro) standen Zinsausgaben für die nötigen Reserven von 2.000 Euro gegenüber. Von heute an kann die Bank bei gleichen Zinsausgaben im Maximum das Doppelte, also in diesem Beispiel 200.000 Euro, an Zinsen für 20.000 Euro Zentralbankgeld einnehmen.

Will man wissen, wie hoch der Zins-Extragewinn der Banken aus der multiplen Geldschöpfung tatsächlich ist, muss man den jeweiligen Bestand an Sichtguthaben mit einem realistisch gewichteten Durchschnitt der Zinsen multiplizieren. Rein rechnerisch ergäbe folglich bei einer Größenordnung von 3,8 Billionen Euro an Sichtguthaben in 2011 schon eine durchschnittliche Zinsmarge von 1% etwa 38 Mrd. Euro für die Banken in der Eurozone.

Worauf sich die Halbierung des Mindestreservesatzes ebenfalls entscheidend auswirkt, ist die entgangene Seigniorage, die der Staat nicht einnimmt, weil er sich sein Geldregal durch die Giralgeldschöpfung der Banken hat aus der Hand nehmen lassen. Die Seigniorage ergibt sich aus dem jährlichen Zuwachs der Geldmenge bereinigt um die Inflation.

In 2009 und 2010 bewegte sich die Seigniorage der EZB, die entscheidend vom Zinsniveau für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte abhängt, in einer Größenordnung von ca. 700 Mio. Euro jährlich. Dem stand bei einem Reservesatz von 2% folglich eine Gesamt-Seigniorage von etwa 35 Mrd. Euro gegenüber. Die Privatbanken im Euroraum wurden also mit rund 34 Mrd. Euro an den Geldschöpfungsgewinnen beteiligt. Noch in 2008 hatte die EZB-Seigniorage allerdings bei 2,2 Mrd. Euro und damit der Geldschöpfungsgewinn der Banken bei 109 Mrd. Euro gelegen. Diese Entwicklung verdeutlicht die Auswirkungen der Finanzkrise. Unterstellt man eine ähnlich hohe Seigniorage wie in 2009 und 2010 (die Werte für 2011 liegen noch nicht vor) auch für 2012, so könnte sich der Geldschöpfungsgewinn der europäischen Banken in diesem Jahr also durchaus auf etwa 70 Mrd. Euro belaufen.

Ob der vorzeitige Jubel eines Analysten, "Dadurch werden über den Daumen gut 100 Milliarden Euro für die Banken verfügbar.", berechtigt war, hängt jedoch davon ab, wie die Banken das Angebot der EZB annehmen und tatsächlich für die zusätzlich zur Verfügung stehenden Mittel Kredite vergeben. Denn Banken handeln konjunkturell prozyklisch, d.h. dass sie vor allem auch Kredite prozyklisch vergeben und sie somit das Volumen neuer Sichtguthaben aus Kreditvergaben prozyklisch steigern oder verringern. In der Hochkonjunktur und sonst in „guten Zeiten“ sind die Banken risikofreudig, in der Krise dagegen risikoscheu. Bislang führen die jüngsten Aktionen der EZB zur Liquiditätsflutung dann auch weder zur Kreditvergabe an die Realwirtschaft, noch zu einer nennenswerten Ankurbelung des Interbankenhandels, noch zu einer wirklichen Entspannung bei den Staatsanleihen der Südperipherie der Eurozone.

Stattdessen parkten die europäischen Geschäftsbanken erst vorgestern die Rekordsumme von 501,933 Mrd. Euro an Überschussliquidität zum Mini-Zins von 0,25 Prozent bei der EZB, statt es sich untereinander zu leihen. Denn der restriktive Faktor, der die Sichtguthabenschaffung als faktische Geldschöpfung der Banken begrenzt, besteht weder in Kapitalmangel noch in gesetzlich-behördlichen Deckungsvorschriften, sondern allein in der Bonität der Kreditkunden in den Augen der Bank.

Die Halbierung des Mindestreservesatzes passt in jedem Fall zum „Kurs von EZB-Präsident Mario Draghi, der es als Aufgabe der Notenbank ansieht, Kreditgeberin der letzten Instanz für Banken zu sein, nicht für Staaten“ (Zitat FTD) – also nicht in erster Instanz für die Bürger Europas. Diese Einstellung muss einen bei einem ehemaligen Vizepräsidenten der Investmentbank Goldman Sachs nicht wundern. Hier manifestiert sich erneut der strukturelle Missbrauch der gesellschaftlichen Geldmechanismen durch das Vorrecht einer elitären Minderheit, neue Kreditgelder auszugeben und zu kontrollieren und dafür Zinsen zu berechnen.

Die chronischen Finanzprobleme in Europa ließen sich jedoch viel eher lösen, wenn man den umgekehrten Weg ginge und den Reservesatz drastisch erhöhen würde. Bei einer Quote von 30-40% etwa, wie sie zu Zeiten des Goldstandards üblich war, wäre zunächst die ausnahmsweise einmalige Finanzierung einer höheren Mindestreserve vonnöten. Nach Berechnungen von Jens Reich („Subventionsabbau statt Besteuerung: Vorschlag einer Bankenabgabe“. Frankfurt, 2011) ergäbe sich ein einmaliger Refinanzierungsbedarf zwischen 3-4 Billionen Euro in der Eurozone. Bei einer Gesamtverschuldung von knapp 8 Billionen Euro ein gigantisches Potenzial zur Entlastung der Schuldendienste.

Das vermischte fraktionale Reservesystem bleibt hingegen monetär unsicher und finanzwirtschaftlich instabil. Sichtguthaben stellen nur ein Geldsurrogat zur Verrechnung dar, nicht positiv vorhandenes Geld. Deshalb kann dieses Zahlungsmittel heute wie früher als Buchwert verschwinden. Zwar gibt es unter den Banken heute eine Einlagensicherung, und es bestehen auch gewisse staatliche Garantien. Beim Bankrott einer einzelnen Bank mögen die Kunden deshalb nicht allzu viel ihrer Guthaben verlieren. Aber in einer Krise des  gesamten Bankensektors könnte die Einlagensicherung nicht mehr funktionieren. Die Leute würden dann „ihr Geld auf der Bank“ verlieren. In einer allgemeinen Bankenkrise wird auch die Funktion der Zentralbank als „Kreditgeberin der letzten Instanz“ gegenstandslos. Das haben die Finanzkrisen der 1990er Jahre in Mexiko, Brasilien, Argentinien, Russland und Südostasien gezeigt. Sichtguthaben sind faktisch weiterhin unsichere Zahlungsmittel, auch wenn man das hierzulande gegenwärtig nicht mehr, oder noch nicht wieder, wahrhaben will.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...