Dienstag, 24. Januar 2012

Licht aus – Spot an

Griechenland am Scheideweg: Haircut oder Final Cut?

Im Juni vergangenen Jahres wechselte Evangelos Venizelos innerhalb der griechischen Regierung seinen Ministerposten und kommentierte das mit den markigen Worten: "Ich gehe weg vom Verteidigungsministerium und ziehe in den wirklichen Krieg." Dieser Satz des neuen Finanzministers mag all jene verwundert haben, die dachten, Griechenland hätte bereits verloren und es ginge nur noch um die Umsetzung der von EU und IWF diktierten Kapitulationsbedingungen. Eine Deutung seiner Aussage, gegen wen oder was Venizelos überhaupt noch kämpfen wollte, ist er aber bis heute schuldig geblieben. Der Mann besitzt offensichtlich nicht nur politisches Geschick, sondern möglicherweise auch ein tieferes Verständnis der Zusammenhänge.

Die oktroyierten Sparmaßnahmen und die damit einhergehende wachsende Arbeitslosigkeit insbesondere unter Jugendlichen mag so manchem als entwürdigendes und kontraproduktives Kahlschlagprogramm erscheinen. Und das ist es auch, nicht nur aus Sicht der betroffenen Menschen in Griechenland. Es ist aber andererseits die konsequente Reaktion der hilflosen Vertreter unseres unzulänglichen Geld- und Finanzsystems, das in dieser Situation seine ganze Schwäche offenbart: Die Unfähigkeit, aus sich heraus mit der immanenten Instabilität fertig zu werden. Und weil das bei den Verantwortlichen als alternativlos angesehen wird, muss immer wieder der Staat/Steuerzahler eingreifen, in sehr prekären Situationen eben auch mit der entsprechenden Intensität.

Die Widerstände im Land ebben allmählich ab, sei es nun aus Resignation oder aus Einsicht der betroffenen Teile der griechischen Gesellschaft. Dabei wäre der derzeit verhandelte „Haircut“, der Schuldenschnitt für die Gläubiger des Landes, noch nicht gleichbedeutend mit  der allseits ersehnten Talsohle. Die wird für das System faktisch erst dann erreicht sein, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen für einen Neustart in Richtung Expansion hinlänglich gut sind, wenn sich also Investitionen in die Realwirtschaft wieder lohnen, wenn diejenigen ihr Geld am ehesten wieder bekommen, die es jetzt dort versenkt haben – und zwar mit Zinsen. Wann und wie es letzten Endes dazu kommt, steht in den Sternen. Allein schon um das Leiden und die Hoffnungslosigkeit der Griechen, was leicht in eine revolutionäre Situation umschlagen könnte, zu verkürzen, wäre jedenfalls ein möglichst kurzfristiger „Re-Start“ wünschenswert. Also im Zweifel nicht nur ein Haircut, sondern die Insolvenz, also ein Final Cut. Und dann ...

Licht aus - Spot an

... auf den alten und neuen Star der Veranstaltung, unsere Geldordnung, das Kredit- bzw. Schuldgeldsystem. Denn dann kann es endlich einmal wieder seine eigentliche und wohl auch einzige Tugend ausspielen: seine Fähigkeit der Unterstützung schneller wirtschaftlicher Expansion.



So richtig hatte es das nämlich in Europa zum letzten Mal in den zehn bis zwölf Jahren nach der Währungsreform von 1948 in Deutschland beweisen können. Seinerzeit wurde ein erheblicher Teil der beschäftigten Produktivkräfte – Arbeiter, sachliche Produktionsmittel und Boden – nämlich nicht der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung der Gegenwart gewidmet, sondern für die Errichtung industrieller Betriebsstätten und anderer langlebiger Anlagen privater und öffentlicher Art abgezweigt. Verwendungen also, die erst der künftigen, wegen der Produktivität dieser Investitionen dann aber umfassenderen Bedürfnisbefriedigung dienten. In jedem Zeitpunkt wurde folglich die Gegenwartsversorgung zugunsten einer besseren Zukunftsversorgung beschränkt. Es wurde in großem Umfang güterwirtschaftlich, d.h. erzwungenermaßen gespart.

Ein Sparen allerdings, das seinen monetär-finanziellen Niederschlag nicht etwa auf den Sparkonten der sich einschränkenden Bürger findet, sondern in den Gewinnen der Wirtschaft. Zur Finanzierung der Investitionen bedarf es nämlich in der herrschenden Kreditgeldordnung nicht mehr des gleichzeitigen freiwilligen Sparens, wie es die klassische Volkswirtschaftslehre beschreibt. Vielmehr treten Unternehmer mit Hilfe der von den Banken aus dem Nichts geschaffenen Finanzierungsmittel als zusätzliche Nachfrager nach sachlichen Produktionsmitteln und Arbeitskräften auf und fügen so dem bisherigen Einkommenskreislauf zusätzliche Beträge hinzu. Nimmt dann das freiwillige Sparen nicht zu, führt eine größere Nachfrage nach Konsumgütern bei unverändertem Angebot zu höheren Preisen. Der Realwert der Einkommenseinheit sinkt – das Sparen ist erzwungen worden.

Für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Griechenlands in der beschriebenen Weise, für den selbstverständlich die internationalen Großbanken (bei entsprechendem Salär) als erprobte Berater bereit stünden, wären die Bedingungen nach einem Final Cut ungewöhnlich günstig. Ein hohes Arbeitskräftepotenzial, dass nach ersten sichtbaren Erfolgen durch zurückkehrende „Wirtschaftsflüchtlinge“ sogar noch zunehmen könnte, sollte selbst bei steigender Nachfrage nach Arbeitskräften die Löhne unter Druck halten. Und auch die Gewerkschaften würden es sicherlich eine Weile bei maßvollen Lohnforderungen belassen, um den Aufschwung  und die damit verbundene Beschäftigungszunahme nicht zu gefährden. Ein vergleichsweise stabiles Preisniveau wäre die Folge - sehr gute Voraussetzungen für weitere, über Bankenkredite finanzierte Investitionen der Unternehmen.

Es ist in diesem System allerdings immer nur eine Frage der Zeit, wie lange der konjunkturelle Aufschwung auf ein hinreichend großes verfügbares Angebot an Arbeitskräften und ungenutzten Kapazitäten trifft, um einen Inflationstrend zu verhindern. Und so dürften auch in Neu-Griechenland alsbald die Löhne wieder zu steigen beginnen, teils aufgrund von Tarifabschlüssen, teils als Lohndrift („wage drift“) noch darüber hinaus gehend. Nur solange das monetär erzwungene Sparen – der Investitionsstoß – und seine Finanzierung aus der Kreditexpansion anhalten, schmälern die höheren Löhne nicht die Unternehmergewinne, weil sie auf die Preise abgewälzt werden. Weder die Gewinne der Kreditinstitute aus der Geldschöpfung, noch die einseitige Vermögensbildung zugunsten der Unternehmen der Realwirtschaft oder die Preissteigerungen dürften allerdings lange hingenommen werden.

Der Widerstand gegen diese Art der Einkommensverteilung wird sich in mal schwächeren, mal stärkeren Schüben von Inflation zeigen. Keine guten Aussichten für Investoren. Der Kreis beginnt sich zu schließen. Sollte Evangelos Venizelos dann noch in der Regierung sein und wäre seine aktuell gezeigte tiefere Einsicht in die Zusammenhänge bis dahin nicht verflogen, dürfte er sich zu dem Zeitpunkt spätestens aus der Politik verabschieden. Noch einmal innerhalb nur weniger Jahre würde er wohl nicht in einen Krieg ziehen wollen, in dem er nichts gewinnen kann und der nur dazu dient, den Boden für anschließendes wirtschaftliches Wachstum zu bereiten.


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