Donnerstag, 14. Juni 2012

Das Vertrauen der Märkte

Immer wieder und bereits seit etlichen Jahren ist von der Politik zu hören, es gelte, das Vertrauen der Märkte - gemeint sind die Finanzmärkte - zu gewinnen, zu erhalten oder zurück zu gewinnen. Warum soll das so wichtig sein und für wen ist es das?

Nehmen wir das Beispiel Griechenland. Seit Wochen und Monaten erleben wir das unwürdige und unsinnige Schauspiel, bei dem uns Politiker, Mainstreammedien und -ökonomen vorführen, wie wenig sie vom Bankrott eines Staates verstehen. Einmal ganz abgesehen davon, dass es bis heute keine „gängige Definition“ von „Staatspleite“ gibt (und es auch nicht geben kann, weil die Grundvoraussetzungen für einen Default bei Staaten normalerweise nie gegeben sind), war und ist Griechenland nicht pleite. Denn pleite ist jemand nur dann, wenn sein Vermögen seine Schulden nicht mehr deckt. Nicht nur, dass Staaten in der Regel selbst über ein erhebliches Vermögen verfügen. Sie können darüber hinaus natürlich auch auf das Vermögen und die Einkommen ihrer Bürger zurückgreifen und dadurch quasi ihr Vermögen erhöhen. Auch Griechenland könnte das.

Obwohl die Verschuldung des Landes allein von Anfang 2010 bis Ende 2011 vor allem dank der „genialen Sparauflagen“ der Troika von 110 % des BIP auf über 165 % anstieg, wäre diese Entwicklung noch lange kein Grund für eine Bankrotterklärung. Klassisch ist der Fall Japan, das mittlerweile eine gesamte Staatsschuld von über 235 % aufweist, aber von niemandem für bankrott erklärt wird.

Offenbar gibt es in Griechenland andere Gründe für das beschriebene Phänomen. Und die sind mal wieder allein in der Panikmache der Märkte zu suchen, die noch von unwissenden, ängstlichen Politikern und deren schlechten Beratern durch die Medien extrem verstärkt wurde. Denn es herrscht sowohl beim Internationalen Währungsfond (IWF) als auch bei der Europäischen Union der Glaube, dass nur eine Wiederherstellung des Vertrauens der Märkte für das Land, das ins Schussfeld geraten ist, dort wieder zu richtigen Preisen führt. Meist ist es aber so, dass das Land gerade deswegen in die Krise geraten ist, weil dieselben Märkte oft nur kurze Zeit zuvor zu viel Vertrauen in dieses Land hatten. Dieses Spiel wiederholt sich übrigens derzeit in Spanien.


Oder nehmen wir Island, ein Land, welches wie kein anderes von Spekulationen überzogen wurde. Spekulationen nämlich, die sich auf ein übergroßes Vertrauen in das Land gründeten. Wie sonst ist es zu erklären, dass bei 15 % Zinsen, die Island bei gleichzeitig 12 % Inflation anbot, über Jahre damit spekuliert wurde, dass sich die isländische Währung noch auf- und nicht abwerten würde? Was dann passierte, ist hinlänglich bekannt.

Der IWF hält für solche Situationen regelmäßig ein tolles Programm bereit, das berühmte „Vertrauensspiel“. Es zeichnet sich vor allem durch seine Absurdität aus, weil es darum geht, ein Vertrauen zurück zu gewinnen, das deshalb verloren ging, weil das Vertrauen der Märkte so übermäßig groß war. Allein daran wird schon deutlich, dass die ganze Terminologie unlogisch und die sich dahinter verbergenden Denkmuster bewusst gesteuert sind. Und zwar offenbar doch von jenen Kräften, die immer von diesem Spiel profitieren, egal ob das Vertrauen wächst, besteht oder schwindet.

Spekulationen gegen ein einzelnes Land wie Griechenland oder Spanien können aber nur deshalb so erfolgreich sein, weil die verantwortlichen Politiker dem nicht schnell und nicht energisch genug entgegen treten. Und so werden sie in Europa zu Mittätern an der Verarmung ganzer Bevölkerungsgruppen, nur weil sie sich wie im Falle Griechenlands beispielsweise nicht sofort unmissverständlich und hart mit dem Mittel einer Euroanleihe gegen die Märkte gestellt haben. Denn was könnten die schon tun? Sie haben doch überhaupt keine Alternative.

Gerne wird zwar von sogenannten Experten und den Mainstreammedien die Drohung in den Raum gestellt, dass die Märkte, wenn sie keine Kredite mehr an Staaten vergeben, diese Kredite doch woanders unterbringen könnten. Aber wo denn bitte schön? Wenn sie die Bonität von Privaten für höher einschätzen, als diejenige von Staaten, so mögen sie das gerne tun. So dumm wird aber wohl letzten Endes niemand sein, wenn doch – wie oben schon erwähnt – ein Staat regelmäßig auf alle privaten Vermögen zugreifen kann. Von Bankrott zu sprechen, nur weil Europa, die USA oder Japan vergleichsweise hohe Staatsschulden haben, ist also in Wahrheit nichts weiter als Meinungs- oder Panikmache.

Denn wer oder was verbirgt sich hinter diesen Staaten? Das sind vor allem die Zentralbanken, die in diesem System die Liquidität erst schaffen, mit denen die Märkte dann herumspielen. Zu sagen, die Märkte würden den Staaten keine Liquidität mehr zur Verfügung stellen, ist mindesten ebenso unsinnig, wie die Drohung eines Gemüsehändlers, der seine Ware nur von einem Bauern bezieht, er wolle diesem Bauern kein Gemüse mehr verkaufen. Mal angenommen also, Banken und Schattenbanken (z.B. Hedgefonds) würden sich von einem Zeitpunkt an tatsächlich weigern, Staatspapiere zu kaufen. Schön, dann wäre es das Einfachste von der Welt, wenn die Notenbank von da an aufhören würde, diesen Spielern direkt oder indirekt Liquidität zu Verfügung zu stellen (wie jüngst noch von Seiten der EZB in Billionenhöhe geschehen). Stattdessen würde sie dem Staat dessen Anleihen einfach direkt abkaufen oder in ihr Portfolio übernehmen und dadurch den Staat mit Geld versorgen.

Was wäre dann? Der ganze Spuk wäre mit einem Schlag vorbei und jeder würde sehen, dass man das Bankensystem in dieser Form und das ganze undurchsichtige Konstrukt von zum großen Teil  gemeingefährlichen Finanzinstitutionen und deren unsozialen „Produkten“ überhaupt nicht braucht. Man würde auch sehen, dass die Realwirtschaft trotzdem mit ausreichend Liquidität versorgt wird, weil die Notenbank dazu überginge, Direktkredite an Unternehmen zu vergeben, die den allgemeinen Wohlstand fördern, oder es in Bildung, Soziales (z.B. ein bedingungsloses Grundeinkommen) oder in Umweltprojekte stecken. Nicht die Verstaatlichung der Banken also, sondern der Staat als Liquiditätsversorger, als „lender of last resort“ ist gefordert. Und er muss darauf gefasst sein, auch „borrower of last resort“ zu werden, falls sich niemand sonst mehr verschulden will und die Ausgaben der Volkswirtschaft zusammenzubrechen drohen – die Stabilisierung der Realwirtschaft durch höhere öffentliche Defizite also.

Wir sind im Verlauf dieser Finanzkrise an einem Punkt angelangt, an welchem dem Wahn der Märkte alles anheim zu fallen droht, was nicht niet- und nagelfest ist. Wenn sie sich in ihrer Panik nicht früher oder später selbst und die gesamte Gesellschaft in den Abgrund stürzen sollen, braucht man jetzt das Eingreifen des Staates in der beschriebenen Weise. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...