Dienstag, 3. Juli 2012

Gegen die Wand

Früher fürchteten sich die Menschen vor Blitz und Donner oder vor der Pest. Diese „Strafen“ wurden in Verbindung mit den begangenen Sünden gebracht, weshalb man Gnade und Vergebung bei den Göttern suchte. Heute sind wir für unsere Ängste selbst verantwortlich, weil wir sie größtenteils selbst heraufbeschwören.
Es sind Bedrohungen von Menschenhand, die unsere existentiellen Ängste, ein Urgefühl menschlichen Daseins, schüren. Wir wissen inzwischen, dass es nie ein Leben ohne Angst geben wird. Die Frage ist nur, wie wir damit umgehen. Neben der Verdrängung, also dem Nicht-wahrhaben-Wollen der Angst, beschreibt die moderne Psychologie noch weitere Abwehr- und Bewältigungsformen. Einige der wichtigsten lassen sich unzweifelhaft bei den Polit- und Finanzmarktakteuren ausmachen: Aktionismus, Gewohnheiten, Streben nach Macht, Besitzsucht und übermäßiges Rivalisieren. Am Beispiel der beiden ersten Formen soll im Folgenden auf einige Aspekte der aktuellen Krise eingegangen werden.

Aktionismus
Aktionismus ist vielleicht die am meisten verbreitete Art, mit Angst umzugehen. Denn ein gewisser Aktionismus wird in unserer Gesellschaft gerne als Leistung missverstanden und honoriert. Das zeigt auch das Muster der systematischen politischen Nichtbewältigung gewisser ökonomischer Vorgänge auf:

An den Finanzmärkten geht es den Akteuren vornehmlich darum, bestimmte Vermögenstitel möglichst günstig ein- und anschließend möglichst teuer wieder zu verkaufen. Der Preis eines Vermögenstitels steigt dort aber nicht dann, wenn es aufgrund der realwirtschaftlichen Fundamentaldaten zu erwarten wäre, sondern dann, wenn viele Finanzmarktteilnehmer davon überzeugt sind, dass der Preis dieses Titels steigen wird oder wenn sie an eine allgemeine Hausse am Markt glauben. Das bedeutet, dass der Erfolg eines Akteurs dort von den Informationen abhängt, die er über Informationen besitzt, die voraussichtlich die Erwartungen der Masse der Marktteilnehmer in ihrer Kaufentscheidung leiten werden. 

Eine derartige Herdenbildung, die an den Finanzmärkten systematisch falsche Preise erzeugen kann, die nichts mehr mit Angebot und Nachfrage an den realen Märkten zu tun haben, bildet den Normalfall. Und obwohl dieser Herdentrieb zweifelsfrei als wesentliche Ursache der Finanzkrise von 2007 genannt werden muss, bleibt dessen Bekämpfung bei den politisch Verantwortlichen bislang in verbalen Ankündigungen stecken. Eine ernst zu nehmende und breite politische Diskussion darüber, welche Schäden dieses permanente Zocken der Herden nach wie vor für die Gesamtwirtschaft und den allgemeinen Wohlstand erzeugt, gibt es bis heute nicht wirklich. Von Regulierung wird höchsten in dem Sinne gesprochen, dass man unter gewissen Bedingungen bereit ist, etwas Sand ins Getriebe zu streuen: siehe die geplante Finanztransaktionssteuer.


Stattdessen ist publikumswirksamer Aktionismus auf Nebenkriegsschauplätzen angesagt. Es werden der Öffentlichkeit Aspekte als bedeutend verkauft, die in Wahrheit nicht zur Lösung des Problems beitragen können. So wird mit ungeheurer Energie und in enormer Eile mit dem ESM ein Vertragswerk durch die Parlamente gepeitscht, das die Deutschen aufgrund ihrer Bereitschaft, Milliardensummen zur Stabilisierung des Systems zur Verfügung zu stellen, als Retter Europas darstellen soll. 

Aber operative Hektik ersetzt keine geistige Windstille. Und so hat man inzwischen mit freundlicher Unterstützung der neoliberalen Ökonomen (die zwar die Preisbildung an den Finanzmärkten nicht erklären können, denen es aber prima in den Kram passt, wenn man die Schuld dem Staat in die Schuhe schieben und den freien Markt mit seinen angeblichen Selbstheilungskräften reinwaschen kann) und der Mainstreampresse (die unisono aus der Finanzkrise schnell mal eine "Schuldenkrise" gemacht hat) die Staatsschulden zur eigentlichen Ursache der Krise erkoren. Das ist zwar kompletter Unfug, weil sich die Staatsschulden nachweislich erst nach Ausbruch der Finanzkrise und wegen der von ihr ausgelösten Rezession sowie der massiven, milliardenschweren Bankenrettungsaktionen erhöht haben.

Quelle: Wikipedia

Aber der Tenor dieser Scheinanalyse ist politisch und ideologisch einfach unschlagbar attraktiv. Es verschafft den politisch Verantwortlichen einen tieferen Sinn für ihren fieberhaften Aktionismus, der sich den Wählern quer durch alle Bevölkerungsschichten überzeugend einfach erklären lässt. Auf der Beliebtheitsskala entsprechender Umfragen können sie unmittelbar danach erkennen, wie sehr ihre „Leistung“ honoriert wurde.

Derart von den Massen moralisch unterstützt überlässt man es mit großer Gelassenheit und Arroganz dann auch den sogenannten „notorischen Nörglern“, „ewigen Besserwissern“ oder „linken Polemikern“, auf die eigentliche Ursache der gegenwärtigen Probleme im Euro-Raum hinzuweisen, nämlich die Ungleichgewichte bei der Wettbewerbsfähigkeit der Staaten. Anders als es uns die beschauliche Geschichte von der einsetzenden gleichsam „natürlichen“ deutschen Wettbewerbsfähigkeit durch hohe Produktivität glauben machen will, ist es vielmehr das hierzulande seit über einem Jahrzehnt mit aller Konsequenz exerzierte, politisch inszenierte Lohndrücken, welches maßgeblichen Anteil an der Misere hat.

Ohne die europäischen Partner vorher zu informieren hat Deutschland auf diese Weise bewusst das gemeinsam verabschiedete Inflationsziel von 2 % deutlich unterschritten und sich in dem genannten Zeitraum einen erheblichen Wettbewerbsvorsprung verschafft. Anschließend Begründungen zu erfinden, warum man so vorgehen musste (z.B. weil man den Chinesen Paroli bieten wollte), es den Partnern aber nicht sagen konnte, ist bezeichnend für den Umgang miteinander. Denn ein Zugeben derart gravierender Fehler hätte fatale Auswirkungen auf die oben beschriebene Scheinanalyse durch die politisch Verantwortlichen und damit auf deren Angstbewältigung.

Gewohnheiten
Gewohnheiten vermitteln uns Menschen Sicherheit. Man weiß, woran man ist und wie es weitergeht. Wir pflegen, ohne es zu wissen, hunderte von Gewohnheiten, die uns den Alltag füllen und regeln. Auch ein „gesunder Mensch“ ist auf seine Bewältigungsstrategien gegen die Angst angewiesen. Gewohnheiten sind dabei wohl die „gesündeste“ und harmloseste Form der Angstabwehr. Harmlos allerdings nur solange, wie sie die Menschen nicht in ihrer Intensität und Unverrückbarkeit dominieren.

Die meisten Menschen (Politiker eingeschlossen) glauben beispielsweise, dass der Staat mit dem Aufnehmen neuer Schulden etwas grundsätzlich Unanständiges tut, weil er dadurch die zukünftigen Generationen belastet. Sie sind der Meinung, dass Sparen immer gut und Schuldenmachen immer böse ist, weil sie selbst im Lichte der finanziellen Sicherheit so erzogen wurden und unter dieser Maxime in ihrem Leben grundsätzlich immer gut gefahren sind … außer, ja außer in dem Moment, als sie sich einmal eine Immobilie kaufen wollten und dafür nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung hatten.

Wenn also mit dem geliehenen Geld Vermögenstitel erworben werden, dann belasten Schulden offensichtlich auch im privaten Bereich die Vermögenssituation nicht. Denn wenn jemand ein Haus auf Kredit kauft oder der Staat auf Kredit eine Schule baut, werden die künftigen Generationen gerade nicht belastet. Es wird nämlich mit Hilfe der heute zur Verfügung stehenden Kaufkraft, also der Ersparnisse anderer sowie neu geschaffenen Geldes, versucht, die Situation zukünftiger Generationen hinsichtlich der Infrastruktur und anderer realer Vermögensgegenstände generell zu verbessern. Aber selbst dann, wenn der Staat das geliehene Geld nicht investiert und direkt in den Konsum steckt, ändert sich die Vermögensposition zukünftiger Generationen niemals, weil hinter jedem geliehenen Euro eine Forderung gegen den Staat besteht, die sich entweder in den Händen eines privaten Haushalts oder eines Unternehmens befindet, von deren Ersparnissen sich der Staat das Geld geliehen hat. 

Wenn jedoch in einer Volkswirtschaft irgendjemand immer spart, geht es auf der anderen Seite auch nicht ohne Schulden. So ist nun einmal die gesamtwirtschaftliche Logik. Wenn der Staat sich aber nicht verschulden darf, weil er mittels Schuldenbremse aus der Verantwortung genommen wurde, die privaten Haushalte aber sparen (entweder auf etwas Konkretes oder – wie neuerdings bei der Altersvorsorge – für eine ungewisse Zukunft), dann muss man konsequenterweise die Unternehmen zwingen sich zu verschulden und in Sachanlagen zu investieren. Die deutsche Wirtschaftspolitik betreibt allerdings seit Jahren das genaue Gegenteil: Sie fördert über ihre Steuerpolitik, d.h. über Steuerarten, Steuersätze, Abschreibungen und Bilanzierungsregeln (z.B. bei Finanzinstituten) massiv die Unternehmen und verschafft ihnen damit Gewinne, die sie nicht erst mühsam am Markt durch Sachinvestitionen erwirtschaften müssen. In die gleiche Richtung wirkt natürlich auch das oben beschriebene Drücken der Löhne, wodurch man sich insgesamt hierzulande inzwischen in die absurde Lage manövriert hat, dass auch die Unternehmen sparen, also ihre Gewinne ihre Investitionen übersteigen.

Will Deutschland in dieser Situation nicht eine heftige Rezession riskieren, muss es sich logischerweise an die ausländischen Unternehmen und Konsumenten halten, um seine eigenen Sparwünsche zu erfüllen. Doch was macht der gute deutsche Haushaltspolitiker, der es gewohnt ist, für die Zukunft vorzusorgen, indem er in guten Zeiten spart und in schlechten den Gürtel enger schnallt? Gerade weil das Ausland in hohem Maße verschuldet ist und die Grenzen seiner Verschuldungsfähigkeit erreicht hat, wird es von ihm und den angepassten Medien beschimpft und bei der (für Deutschland gerade hilfreichen) Kreditvergabe mit Bedingungen überzogen, die in vielen Ländern massive Arbeitslosigkeit und Armut produziert. 

Der deutsche Haushaltspolitiker sieht sich aber sehr schnell von der Masse der „Vernünftigen“ im Lande unterstützt, die ebenfalls aus guter Gewohnheit fest davon überzeugt sind, dass einfach jeder seine Ausgaben und Einnahmen in Einklang zu bringen, also für einen ausgeglichenen Haushalt zu sorgen hat. Die Deutschen sollen folglich ihre Sparwünsche auf Kosten der europäischen Partner verwirklichen dürfen, während deren Wirtschaft mit diesem Rezept in einer schweren Rezession und andauernden Schrumpfung versinkt. Und damit auch der Letzte in der Europäischen Währungsunion von der Richtigkeit dieses Vorgehens überzeugt wird, zwingt man ihn jetzt, auf dem Höhepunkt dieser Verdrängungsstrategie seiner Ängste, mit dem Fiskalpakt zur Übernahme dieses gefährlichen Unsinns. Allein schon deshalb kann dieses Vorgehen nicht alternativlos sein.

Schon 1895 schrieb Gustave le Bon in seiner Massenpsychologie: 
"Niemals darf man zur Beeinflussung der Menge den Versuch machen, einen Beweis zu erbringen. Das einzige anerkannte Beweismittel ist die freche und dreiste Behauptung. Nie haben Menschen nach der Wahrheit gedürstet. Sie ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern. Wer die Menschen täuscht, wird ihr Herr, wer sie aufklärt, stets ihr Opfer; denn die Massen haben nur eingeflößte, selten vernünftige Meinungen. Die Leichtigkeit, mit der Behauptungen als richtig übernommen werden, hängt mit der Unwilligkeit der meisten Menschen zusammen, die notwendigen Kenntnisse zu sammeln, um sich eine eigene Meinung zu bilden."

Und deshalb müssen wir lernen, selber aus dem System heraus zu denken. Und das beginnt damit, dass wir uns ganz einfache Fragen stellen: Zum Beispiel: Warum muss man immer mehr arbeiten, wenn man immer mehr arbeitet? Warum werden die Schulden größer, wenn immer mehr gespart wird? Warum schrumpft alles andere, wenn die Wirtschaft wächst? Warum messen wir unseren Wohlstand an Umsatzzahlen, wenn wir eine ganz andere Vorstellung von Lebensqualität haben? Fangen wir damit an, aufzuhören, wenn uns unsere Antworten nicht gefallen. Hören wir auf, Europa- und Finanzpolitikern zu glauben. Hören wir erst recht auf, den Medien zu glauben. Und hören wir um Gottes willen damit auf, uns widerspruchslos erzählen zu lassen, irgendeine Entscheidung sei alternativlos gewesen. So etwas gibt es in Demokratien nicht.

Bewegen wir uns also aus unserer Komfortzone heraus: Diskutieren wir möglichst breit und öffentlichkeitswirksam realistische und erfolgversprechende Alternativen auf Basis der gesamtwirtschaftlichen Logik als möglichen Reformschritt in die Postwachstumsgesellschaft oder nutzen wir unsere eigenen Handlungsspielräume besser. Anderenfalls fahren wir über kurz oder lang alle gegen die Wand.
 
Quellen:
Heiner Flassbeck, div. Veröffentlichungen
Egon Fabian in „Psychologie Heute“, 30/2012

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...