Mittwoch, 12. Dezember 2012

Die Welt als Wille und Vorstellung

Die kollektive Wahrnehmungsstörung der politisch Verantwortlichen in der Euro-Zone ist nun selbst dem „Handelsblatt“ (nicht gerade bekannt durch besonders systemkritische Berichterstattung) aufgefallen. 
Den Ökonomen der EU-Kommission unterlaufen immer wieder schwerwiegende Fehler, immer wieder in die gleiche Richtung: Die künftige Entwicklung der Wirtschaftsleistung in den Krisenstaaten von Italien bis Griechenland stellt die Kommission in ihren Berichten regelmäßig viel zu rosig dar. Das hat für die Länder gravierende Folgen. Besonders krass daneben lag sie Jahr für Jahr bei Griechenland.“

Maßgeblich unter deutscher Anleitung werden den europäischen Krisentaaten seit Jahren zerstörerische “Spar”-Diktate verordnet, die dann in den Folgejahren zu noch desaströseren wirtschaftlichen Ergebnissen führen. Statt jedoch auf Basis dieser Ergebnisse die Therapie zu hinterfragen, wird die “Spar”-Dosis noch weiter gesteigert. 
Doch warum liegt die EU-Kommission so hartnäckig mit ihren Vorhersagen daneben? Ihre Ökonomen benutzen ein Modell der Volkswirtschaft, das die Wirkungszusammenhänge abbilden soll. Eine wichtige Größe dabei ist der sogenannte fiskalische Multiplikator. Er gibt an, wie stark sich Änderungen bei den Staatsausgaben auf die Wirtschaftsleistung auswirken. Die EU-Kommission schätzt den fiskalischen Multiplikator in ihrer Prognose aus dem Frühjahr 2012 auf etwa 0,5. Das bedeutet: Wenn der Staat seine Ausgaben um einen Euro kürzt, sinkt die Wirtschaftsleistung nur um 50 Cent. Der Ökonom Patrick Artus, Leiter der Forschungsabteilung bei der französischen Bank Natixis, kommt dagegen für die krisengeplagte Euro-Zone auf einen Multiplikator-Wert von rund 1,8. In Griechenland könnte der Multiplikator laut Artus sogar bei 3,6 liegen. Ähnlich fielen im Oktober die Ergebnisse einer Studie des IWF aus. Der Währungsfonds hatte Daten aus 28 Industrieländern seit 2010 analysiert. Den Berechnungen zufolge liegt der Multiplikator zwischen 0,9 und 1,7, also weit höher als von der EU-Kommission und bisher auch vom IWF angenommen…

… Es ist wenig verwunderlich, dass die EU-Kommission an einem niedrigen Wert für den fiskalischen Multiplikator festhält. Denn sollte er wirklich derart groß sein wie die Berechnungen von Patrick Artus oder der IWF-Ökonomen nahelegen, würde das die komplette Rettungsstrategie der Euro-Staaten als fatalen Fehler entblößen. Ein Gesundsparen der Krisenstaaten, wie es vor allem deutsche Politiker fordern, wäre dann schlicht nicht möglich. Ist der Multiplikator größer als eins, führt Sparen immer weiter ins Verderben. Ausgabenkürzungen lassen die Wirtschaft derart abstürzen, dass sich die Schuldenquote sogar erhöht, statt auf erträgliche Werte zu sinken. Es droht ein Teufelskreis aus immer neuen zerstörerischen Kürzungsorgien.

Große Teile der von der Krise innerhalb der Eurozone profitierenden deutschen “Eliten” nehmen dann noch die sich weiter verschärfende Wirtschaftslage in den europäischen Krisenstaaten zum Anlass, ihre chauvinistische und nationalistische Stimmungsmache gegen diese Staaten und deren Bevölkerungen weiter anzuheizen.

Dieses System ist etwas für den Zoo.
Für den Dschungel ist es ungeeignet.


Man kann sich allerdings nicht länger des Eindrucks erwehren, dass sich die Verantwortlichen auf politisch-finanzindustrieller Ebene immer intensiver darum bemühen, die ganze Welt zu einem Zoo zu machen.

 


pinkepinke: Ein paar Millionen Griechen - sind die wichtig?: Ökonomen haben eine seltsame Art , Dokumente zu schreiben . Es gibt offensichtlich eine gesteigerte Tendenz, wirtschaftliche Beratung ...

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